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Familie sein trotz Scheidung

Der Vorsitzende der FDP Bayern und Mitglied im Familienausschuss des Deutschen Bundestages schrieb für DIE WELT (Mittwochausgabe) folgenden Gastbeitrag:

Heute ist es ganz normal, dass Väter ihre Kinder wickeln, sie vom Kindergarten abholen, mit ihnen Hausaufgaben machen oder zum Sportverein fahren. Erziehung und Betreuung der Kinder ist in den meisten Familien eine Aufgabe beider Eltern.

Was aber passiert, wenn die Beziehung zerbricht und sich die Eltern trennen? Hört dann die Familie auf zu existieren? Natürlich nicht, ist vermutlich die erste, reflexhafte Antwort vieler. Leider ist es im Alltag doch oft anders. Das deutsche Recht macht es Familien, Eltern und Kindern in dieser schwierigen und hochemotionalen Situation nicht leicht. Im Gegenteil: es zwingt Eltern in eine oft veraltete Rollenverteilung, die sowohl für Mütter fatal ist, da sie noch immer in der Mehrheit die Betreuung nach einer Trennung übernehmen, mit Langzeitfolgen für Einkommen und Rente. Als auch für die Väter frustrierend, da sie ihre Kinder kaum mehr sehen. Nach der Trennung gilt oft das Familienbild aus dem letzten Jahrtausend: einer erzieht, einer zahlt.

Wenn sich Eltern nicht einigen können, wie sie nach ihrer Trennung die Erziehung, Betreuung und Sorge um ihre Kinder teilen wollen, dann endet der Streit meist vor Familiengerichten. Dort treten viel zu oft die Befindlichkeiten der Eltern in den Vordergrund, zulasten der Kinder. Es darf keinen Wettstreit um die eigenen Kinder geben. Derzeit haben wir aber einen Rechtsrahmen, der förmlich dazu animiert, dass sich Eltern gegeneinander ausspielen. Die Bedürfnisse und das Wohl der Kinder stehen nicht im Mittelpunkt, das müssen wir ändern!

Ich plädiere deshalb für die Einführung des Doppelresidenzmodells nach der Trennung der Eltern als neues Leitbild in der Familienpolitik. Anstatt einem Kind einen ständigen Wechsel mit Koffer für ein Wochenende und einen Nachmittag zuzumuten, wohnt es je nach Alter eine ganze Woche oder auch zwei am Stück bei der Mutter oder dem Vater. Bei beiden hat es ein Zuhause. Beide Eltern sind Eltern im Alltag. Natürlich gibt es Einschränkungen: Dem Kind muss zum Beispiel garantiert werden, dass es die gleiche Schule oder Kita besuchen kann, sein gewohntes soziales Umfeld behält. Der Staat muss dafür sorgen, dass es sich lohnt, wenn sich die Eltern im Sinne des Kindes einigen. So lange das Recht eher den Streit schürt, ist das aber kaum zu realisieren. Mit einer Mediation und niedrigschwelligen Hilfen ließen sich viele Streitigkeiten schon im Vorfeld verhindern. 

Die Politik muss konsequent die Aspekte im Familienrecht ändern, die dem Kindeswohl widersprechen. Vor allem das Unterhaltsrecht oder die Alleinentscheidungsbefugnis bei Alltagsentscheidungen: vor der Trennung würden Eltern den Sportverein ja auch gemeinsam aussuchen. Aber auch die Berechnung von Arbeitslosengeld, Wohngeld und weitere Sozialleistungen müssen kritisch auf den Prüfstand gestellt und geändert werden. Mit einem "Alltagselternteil" und einem "Freizeitelternteil" wird kein Kind auf Dauer zufrieden sein. Aber selbst die Eltern, die sich gütlich einigen wollen, stellen die alten, starren Regelungen in der praktischen Umsetzung vor Probleme. Individuelle Lösungen müssen deshalb im Rechtsrahmen besser ermöglicht werden.
Es gibt genügend Beispiele aus dem europäischen Ausland, aber auch Australien, wo das Doppelresidenz- beziehungsweise Wechselmodell die Regel ist. In Australien dank Familienzentren mit dem großartigen Nebeneffekt, dass Rechtsstreitigkeiten vor Familiengerichten innerhalb von drei Jahren um 40 Prozent zurückgegangen sind.
Vor allem ist aber eines wichtig: auch in deutschen Familiengerichten muss die gelebte Realität der Gesellschaft ankommen. Die Rollenverteilung "einer betreut, einer bezahlt" ist überholt. 

Wir brauchen ein modernes Familienrecht, dass ein echtes "getrennt gemeinsam erziehen" ermöglicht. Das heißt auch, dass Familienrichter, Verfahrensbeistände und Gutachter anders aus- und weitergebildet werden müssen. Ziel muss es sein, dass die Kinder auch nach einer Trennung beide Eltern selbstverständlich um sich haben.
Wenn es allgemein anerkanntes Leitbild ist, wenn diese Lebensrealität aus Familien auch nach einer Trennung normal wird, dann wird es auch selbstverständlich sein, dass Mutter und Vater die Kinder zum Kindergarten bringen, vom Sportverein abholen oder gleichberechtigt die Kinder bei sich zuhause haben. Auch wenn sie kein Paar mehr sind.

 

Redaktion

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