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Religionsfreiheit ist nicht verhandelbar

Im Landtag von Sachsen-Anhalt eröffnet die SPD-Fraktionsvorsitzende Dr. Katja Pähle am heutigen Mittwoch um 17.00 Uhr die Ausstellung „Credo – Kirche in der DDR“ mit Fotografien von Harald Kirschner, die dort und im Roncalli-Haus bis zum 21. Dezember gezeigt werden. An die Festrede des früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse schließt sich ein Zeitzeugengespräch an.

 

Zur Eröffnung erklärt Katja Pähle:

 

„Die Fotografien, die Sie ab heute hier im Landtag und im Roncalli-Haus sehen können, zeigen einen Teil des Lebens in der DDR, den zwar viele von uns aus eigenem Erleben kennen, der aber in dieser Breite in der DDR-Gesellschaft nie präsentiert wurde. Denn kirchliches Gemeindeleben fand zwar mitten unter uns statt, sollte aber nicht im Mittelpunkt und schon gar nicht im Rampenlicht stehen. Unter solchen Bedingungen konnte auch fotografische Kunst, die herausgehobene Ereignisse des Kirchenlebens oder auch den Alltag in der Gemeinde thematisierte, nur in einer gesellschaftlichen Nische stattfinden. Deshalb ist es eine so nicht gekannte, interessante und oftmals überraschende Perspektive, die uns Harald Kirschner mit seinen Fotografien rückblickend eröffnet und vor allem den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Eben diesen Menschen, der Kirche in der DDR geprägt und getragen hat.

 

Kirche hat in der DDR für viele heutige Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten eine besondere Rolle gespielt. Das gilt nicht nur für die, die – wie auch ich – aus ihrer Familiengeschichte heraus selbst einen evangelischen oder katholischen Hintergrund haben. Sondern Kirche war eben darüber hinaus für viele oppositionell oder auch nur kritisch eingestellte Bürgerinnen und Bürger der DDR ein Schutzraum, in dem die Sicht auf die Welt – auch auf die politische Welt – ein Stück offener war und damit mehr als eine Meinung zugelassen hat.

 

Und die Kirche war der Raum, in dem man an konkreten Projekten arbeiten konnte, wie beispielsweise in Umwelt- und Friedensinitiativen. Kirche war Raum für kritisches Denken, zum Teil auch für oppositionelles Handeln. Und eben auch Zufluchtsort für Verfolgte – das ist historisch natürlich längst nicht nur an die vergleichsweise kurze Phase der DDR-Geschichte gebunden.

 

Beide großen christlichen Kirchen haben in ihrer Geschichte, neben manchem unheiligen Pakt mit den Mächtigen, immer auch solche Zufluchtsorte geboten. Mutige Geistliche und Laien nutzten – mal mit, mal ohne die Rückendeckung ihrer Kirchenleitungen – institutionelle Kraft und moralische Autorität der Kirche, um Menschen zu helfen, die ohne solch eine gelebte Solidarität dem Zugriff staatlicher Verfolgung ausgesetzt gewesen wären.

 

Und in der Gegenwart sieht es nicht anders aus, wenn wir den Blick auf die weltweite Situation richten. Da gibt es aktuell – um ein besonders krasses Beispiel zu nennen – etwa die Katholische Kirche auf den Philippinen, die einem Präsidenten entgegen tritt, der Drogenabhängige zu Zehntausenden umbringen lässt.

 

Weltweit sind derzeit 65 Millionen Menschen auf der Flucht – eine unvorstellbare Zahl. Sie fliehen vor Krieg, Bürgerkrieg, politischer Verfolgung, extremer Armut und den Folgen des Klimawandels – und leider auch vor religiös motiviertem Terror. Und da spielt es für uns keine Rolle, ob in Ägypten christliche Kirchen angegriffen werden, ob in Indien Muslime Opfer von Pogromen werden oder ob Juden das Gefühl haben, angesichts des Terrorismus‘ in einem Land wie Frankreich keine Perspektive mehr zu haben: Religiös motivierte Ausgrenzung und Gewalt gegen Andersgläubige bedrohen die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens überall auf der Welt. Für diesen Hass darf es im 21. Jahrhundert keinen Platz mehr geben. Religionsfreiheit ist nicht verhandelbar.

 

Gegen diese und andere Ursachen von Flucht und Vertreibung und für die Integration der Menschen, die zu uns kommen, engagieren sich Menschen in ganz Deutschland, unabhängig von Glauben und Weltanschauung. Ich bin aber sehr froh, dass es immer auch noch einen spezifisch kirchlichen Zugang gibt, um Zuflucht und Obdach für Menschen in Not zu gewähren. Ich halte es ausdrücklich für richtig, dass auch im demokratischen Staat Kirchengemeinden in begrenzten, humanitär gebotenen Einzelfällen zum Instrument des Kirchenasyls greifen, um Menschen vor unzumutbaren Schicksalen zu bewahren.

 

Das Kirchenasyl ist im Verhältnis von Kirche und Staat eine Grauzone, und das ist gut so. Auch im Rechtsstaat können ,Entscheider‘ irren – wir lesen regelmäßig davon –, und auch formal korrekte Entscheidungen können in ihren Auswirkungen unmenschlich sein. Deshalb ist es gut, wenn engagierte Menschen in den christlichen Gemeinden hier ,Mut vor Herrscherthronen‘ zeigen und auf diese Weise Mitmenschlichkeit leben.

 

Gestatten sie mir am heutigen Tag, an dem wir ein Stück dazu beitragen, die Erinnerung an die Lebensbedingungen in der DDR wachzuhalten, noch eine persönliche Bemerkung. Am Sonntag haben wir an den Bau der Berliner Mauer vor 56 Jahren gedacht. Eine politische Jugendorganisation hat es für richtig befunden, für diesen Zweck vor das Willy-Brandt-Haus in Berlin zu ziehen und damit der SPD implizit Verantwortung für den Mauerbau zuzuschreiben.

 

Ich bin 16 Jahre nach dem Mauerbau geboren, aber es ist mir ein Bedürfnis, mich im Namen der vielen verfolgten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die unter dem SED-Regime leiden mussten, gegen eine solche Verdrehung der Geschichte zu verwahren. Die zuvor noch offene Grenze in Berlin war die letzte Verbindung der SPD zu ihren damals noch legalen Parteigliederungen im Ostteil der Stadt. Und sie war für viele in der DDR, die sich der SPD noch immer verbunden fühlten, die letzte Chance, Kontakt zu halten. Der Mauerbau zerstörte auch diese Verbindung, wie so viele.

 

Es gibt also viel zu erinnern und über unsere Geschichte zu lernen. Und manche Zeitgenossen müssen wohl noch etwas nachholen.“

Redaktion

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